Reisethrombose
 
Wer ist gefährdet? Was kann man tun?
 
Der Wiener Experte Univ.-Prof. Dr. Hugo Partsch zur Thrombose-Gefährdung in Folge zeitweiser Immobilität: "Das Risiko steigt bei Flügen mit über fünf Stunden Dauer an – ebenso generell bei Menschen über 60."

Was laut Partsch noch hinzu kommt: "Mehr als 50 Prozent der Menschen mit venösen Thromboembolien haben eine angeborene unentdeckte Blutgerinnungsstörung." Sie bringen sich häufig auch schon im »normalen« Leben durch Rauchen, die »Pille» oder eine Hormonersatztherapie in zusätzliche Gefahr, so der Experte.

Partsch: "Die meisten Thrombosen, die wir sehen, haben Menschen, die vorher lange gesessen sind. Wir kennen also auch Bridge- oder Computer-Thrombosen." Menschen mit geringem Risiko – jeder, der vorübergehend längere Zeit immobil sitzt – und Personen mit mittlerem Risiko – zwei Faktoren aus Alter über 60, Herzerkrankung, Thromboseneigung, größere Krampfadern, Einnahme von »Pille« oder Hormonersatz, Übergewicht mit einem Body-Mass-Index über 30 oder zu wenig Flüssigkeit bzw. Frauen in der Schwangerschaft oder nach der Entbindung – können die Gefährdung durch Bewegung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr und Stützstrümpfe gut bekämpfen.

Welche Personen sehr gefährdet sind

Personen mit bereits erlittenen Thromboembolien, Krebs- oder sonstiger schwerer Erkrankung, Gipsverbänden (oder sonstiger künstlicher Ruhigstellung über Gelenke hinweg) an den Beinen bzw. kurz zurückliegenden Operationen mit einem hohen Thromboserisiko haben hingegen eine hohe Gefährdung. Sie sollten vor längeren Reisen noch zusätzlich zu einer Selbstinjektion von niedermolekularem Heparin greifen. Die Anwendung aus einer Fertigspritze subkutan (unter die Haut in das Fettgewebe) ist einfach. In Kontinentaleuropa entfallen zwei Drittel der Erkrankungen auf Menschen nach langen Bus- oder Autofahrten.

"Wir sehen zwei Drittel der Reisethrombosen nach Bus- oder Autofahrten. Den Leuten ist gar nicht bewusst, dass hier die Gefahr genau so hoch ist wie bei langen Flugreisen", sagte Partsch, ehemaliger Leiter der Abteilung für Dermatologie am Wilhelminenspital in Wien.

Wie häufig das Auftreten von Thromben in den Venen – zumeist in den Beinvenen – und nachfolgende schwere Zwischenfälle durch Lungenembolien bei Interkontinentalflügen wirklich ist, lässt sich schwer feststellen. Eine Studie rund um den Sydney Airport (Spitalsaufnahmen) erbrachte ein Risiko von 0,6 Fällen pro 10.000 Flugreisende.

Eine andere wissenschaftliche Untersuchung aus Liverpool kam auf zwei bis drei solcher Zwischenfälle pro 10.000 Passagiere nach Langstreckenflügen.

Empfehlungen der Experten: Die richtige Prophylaxe gegen Reisethrombosen
Die Vorbeugungsmaßnahmen gegen Reisethrombosen reichen von einfachen Maßnahmen bis zur Einnahme von Medikamenten.
Eine österreichisch-deutsch-schweizerische Expertengruppe hat die vorhandenen Erkenntnisse zusammengefasst. Ganz wichtig: Es kommt auf die individuelle Situation des Reisenden an. Generell zu empfehlen sind Beinübungen während der Reise, ausreichende Flüssigkeitszufuhr – mindestens 1/4 Liter Wasser pro 2Stunden – und Kompressionsstrümpfe der Klasse 1 oder höher.
Die Fachleute richten ihre Empfehlungen auf die unterschiedliche Gefährdung verschiedener Personengruppe aus:
Gruppe 1: Niedriges Risiko
Jede vielstündige Reisedauer in vorwiegend sitzender Position bedingt bei Reisenden, die ansonsten keine der in den weiteren Risikogruppen angeführten persönlichen Risikofaktoren haben, ein niedriges Risiko.
Allgemeine Maßnahmen:
Bewegungsübungen, z.B. Fußwippen; isometrische Übungen; im Auto: wiederholte Pausen einlegen und einige Schritte gehen. Ausreichende Flüssigkeitszufuhr (kein Alkohol), Zurückhaltung beim Gebrauch von Beruhigungs- und Schlafmitteln.
Die Experten: "Die Reisethrombose ist eine Sitzthrombose und Aufstehen ist daher eine logische Prophylaxemaßnahme."
Gruppe 2: Mittleres Risiko
Zusätzlich zur vielstündigen Reisedauer sind neben Schwangerschaft und nach einer Geburt mindestens zwei der nachfolgenden Umstände an Gefährdungsmomenten gegeben:
        Alter über 60 Jahre
        Klinisch relevante Herzerkrankung
        Nachgewiesene Thrombophilie/familiäre Thromboseneigung
        Größere Varizen (Krampfadern), chronische venöse Insuffizienz
        Ovulationshemmer (»Pille«)
        Hormonersatztherapie
        Adipositas (»Fettsucht« bei einem Body-Mass-Index über 30)
        Flüssigkeitsmangel
Hier werden folgende Vorsorgemaßnahmen empfohlen:
        Allgemeine Maßnahmen (siehe geringes Risiko)
        Wadenstrümpfe im Druckbereich der Kompressionsklasse 1
        Bei Patienten mit venöser Insuffizienz medizinische Kompressionsstrümpfe je nach Notwendigkeit (Indikation)
        Im Einzelfall, z.B. bei Schwangerschaft oder Thrombophilie (Neigung zu Thrombosen), kann niedermolekulares Heparin gegeben werden.*
Gruppe 3: Hohes Risiko
Zusätzlich zur vielstündigen Reisedauer sind an Gefährdungsmomenten gegeben:
        Schon einmal erlittene venöse Thromboembolien (Venenthrombose), auch wenn sie bereits länger zurückliegen
        Bestehende bösartige oder sonstige schwere Erkrankungen
        Gelenkübergreifende Ruhigstellung einer unteren Extremität (Gips über ein Gelenk hinweg)
        Kurz zurückliegender operativer Eingriff mit hohem Thromboserisiko
Hier gelten schließlich folgende Empfehlungen:
        Allgemeine Maßnahmen (siehe Gruppe 1)
        Kompression (Strümpfe, siehe Gruppe 2)
        Niedermolekulares Heparin zur Selbstinjektion*: subkutane Applikation (Injektion unter die Haut) knapp vor Reiseantritt: vor jeder Reise mit erhöhtem Thromboserisiko, bei Rundreisen daher eventuell einmal täglich. Die Dosierung erfolgt in Anlehnung an die Vorbeugung von Thrombosen bei internistischen Risikopatienten.
*) Das Mitführen von Injektionsnadeln kann in manchen Ländern zu Problemen bei der Ein- oder Ausreise führen. Drucken Sie die Erklärung aus und lassen Sie sie von Ihrem Arzt bestätigen. Dem niedermolekularen Heparin beigelegt, vermittelt es dem Kontrollorgan in mehreren Sprachen, dass es sich um ein registriertes Arzneimittel handelt.
Heparin_Deklaration.pdf

Quelle: 5/2003