Convallaria majalis: Das Maiglöckchen pharmazeutisch betrachtet
 
Schön und giftig
 
Das Maiglöckchen wächst vorwiegend in Laubwäldern (Buchen) in West- und Mitteleuropa, seltener in Hohlwegen. Maiglöckchen brauchen warmen, humusreichen Boden und werden auch als Zierpflanze in Gärten gehalten.
Foto: F.Biba
Die weißen, glockenförmigen Blüten (5 - 13 Stück) in einer endständigen, langgestielten Traube weisen alle in eine Richtung und duften stark. Sie blühen von Mai bis Juni. Im Juli - August reifen dann die leuchtend roten kugeligen Beeren, die jeweils 2 - 6 Samen enthalten.

Die großen dunkelgrünen, ovalen bis lanzettlichen Laubblätter entspringen einem hellbraunen bis weißgrauen, waagrecht im Erdboden kriechenden Wurzelstock. Auffällig sind die bogenförmigen Blattnerven. Einzeln stehende Pflanzen blühen übrigens nicht gern, deshalb sollte man Maiglöckchen immer in größeren Gruppen zusammensetzen. Die Pflanzen verbreiten sich in schattigen Standorten sehr schnell durch unterirdische Ausläufer.

Alle Pflanzenteile sind stark giftig, bei Vergiftungsverdacht den Notarzt (144) bzw. die Vergiftungsinformation (01 / 406 43 43) anrufen!

Der Legende nach ist das Maiglöckchen dort entstanden, wo Maria am Grab Jesu ihre Tränen vergoss, daher stammen die Namen "Frauen- oder Marientränen". Bei den Germanen war die Blume Ostera, der Göttin des strahlenden Morgenrots und des Frühlings, geweiht. Ihr zu Ehren wurden die Blüten ins Osterfeuer geworfen. Das Maiglöckchen ist auch heute noch ein Glücks- und Liebessymbol, es wird beispielsweise gerne zu den Blumen im Brautstrauß gegeben.

Tipp für die Blumenvase: Die Haltbarkeit ist leider auf vier bis sechs Tage begrenzt. „Kälteschock“ vermeiden, d.h. man sollte kein kaltes, sondern lauwarmes Wasser für die Vase verwenden.

Das Maiglöckchen pharmazeutisch betrachtet
Lateinische Bezeichnung: Convallaria majalis (L.)
Volksnamen: Augenkraut, Chaldron, Faldron, Galleieli, Glasblümli, Herrenblümli, Maienlinie, Maischelle, Marienglöckchen, Marienriesli, Marientränen, Schillerlilie, Schneetropfen, Springauf, Zaucken.
Stammpflanze: Convallaria majalis (L.) aus der Familie der Liliengewächse (Liliaceae).
Der Gattungsname Convallaria stammt vom lateinischen „convallis“ und bedeutet Talkessel, womit er auf das Vorkommen der Pflanze hinweist. Der lateinische Artname „majalis“ bezieht sich auf die Blütezeit (majus = Mai).

Inhaltsstoffe:
Herzwirksame Glykoside mit Digitalis-Strophantus-ähnlicher Wirkung. Zusammensetzung je nach Herkunft der Droge unterschiedlich. Die Glykoside wirken herzstärkend und werden vorwiegend bei Herzschwäche und Herzrythmusstörungen eingesetzt. Hauptkomponenten sind Convallatoxin, Convallosid, Desglucocheirotoxin, Convallatoxol, Desglucocheirotoxol und Lokundjosid.
Weitere Inhaltsstoffe: Flavonoide, Steroidsaponine, Chelidonsäure, Cholin, Azetidin-2-carbonsäure*.
Interessant ist, dass der Gesamtextrakt des Maiglöckchens 500mal wirkungsvoller ist als das daraus gewonnene reine Glycosid.
      *Ein natürliches Pflanzenschutzmittel: Wie sich das Maiglöckchen wehrt.
      Das Maiglöckchen enthält im Rhizom (S)-Azetidin-2-carbonsäure, mit Hilfe dieser Substanz, die auf das Pflanzenwachstum hemmend wirkt, wehrt sich das Maiglöckchen gegen Feinde. Diese Azetidincarbonsäure wird aufgrund der Ähnlichkeit mit Prolin anstelle der Aminosäure in Peptide eingebaut, die dadurch ihre Funktion verlieren. Das Maiglöckchen selbst kann aufgrund einer hochspezifischen Prolyl-tRNA-Synthetase den unkontrollierten Einbau von (S)-Azetidin-2-carbonsäure in arteigene Proteine umgehen. Dadurch werden andere unerwünschte Pflanzen auf Distanz gehalten und das Maiglöckchen kann sich durch Ausläufer gut ausbreiten.

      Derivate der Azetidincarbonsäure werden auch als Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Auch verschiedene Medikamente (z.B Melagatran als Thrombin-Inhibitor, seit 2006 nicht mehr im Handel), leiten sich von dieser Verbindung ab.

Verwendeter Pflanzenteil:
Die bei 60° C getrockneten Blätter und Blütenstände (Herba Convallariae).

Verwendung:
Die Maiglöckchen werden heute aufgrund der Giftigkeit nicht mehr als Droge verwendet. In mittelalterlichen Kräuterbüchern taucht das Maiglöckchen als "Lilium convallium", als "Lilie der Täler" auf. Hieronymus Bock empfiehlt "Meyenblumen" bei Schwindel, Fallsucht und bei Augenleiden. Auch die herzstärkende Wirkung war damals schon bekannt. Zu Puder geriebene getrocknete Blüten sind Bestandteil des sogenannten Schneeberger Schnupftabaks, von dem man früher annahm, er würde das Gehirn reinigen.

In der Homöopathie sind Maiglöckchen jedoch heute noch, vornehmlich bei nervösen Herzstörungen in Verwendung.

Vergiftungen:
Blüten, Samen und jungen Blätter enthalten in großer Menge giftige Glykoside. Die Vergiftungserscheinungen sind Herzrhythmusstörungen, Übelkeit und Erbrechen, Sehstörungen, Durchfälle und Schwindelgefühl. Manchmal wird die Pflanze mit dem Bärlauch (Link) verwechselt. Glücklicherweise sind aber starke Vergiftungen selten, da die Giftstoffe aus den Blättern vom Körper nur schlecht aufgenommen werden.
Die wiederholt behauptete Giftigkeit von Maiglöckchen-Blumenwasser ist wegen der geringen Glykosidkonzentration nicht gegeben.


Kurios: Maiglöckchen-Düfte locken den Samen zur Eizelle.
Menschliche Spermien besitzen funktionsfähige Geruchsrezeptoren, und der Geruch von Maiglöckchen lässt sie schneller zum Ziel schwimmen. Dies hat ein Forscherteam um den Zellbiologen Prof. Dr. Hanns Hatt von der Ruhr-Universität Bochum nachgewiesen.
Bei der Suche nach wirksamen Duftstoffen fanden die Wissenschaftler auch einen Riechstoff, der als kompetitiver Blocker wirkt. Ein „Maiglöckchen-Duftblocker“ könnte Spermien am Auffinden der Eizelle hindern, ein Denkansatz für eine neue, hormonfreie Art der Empfängnisverhütung. Aber auch neue Möglichkeiten für kinderlose Paare zeichnen sich ab: Der Einsatz von Maiglöckchen-Duft-Lockstoffen könnte für eine erfolgreiche künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisationstherapie) bedeutend sein.

Prof. Hatt identifizierte er als erster Riechrezeptoren beim Menschen - für die Entdeckung solcher Sensoren bei Ratten wurde 2004 der Medizin-Nobelpreis vergeben. Für seine wegweisenden Arbeiten über die Geheimnisse des Riechens erhielt Prof. Dr. Hanns Hatt zahlreiche Auszeichnungen.

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