Ihr Arzneimittel kann nur wirken, wenn Sie es richtig einnehmen!
 
 
    Hand auf's Herz – Haben Sie auch schon auf die Tabletteneinnahme vergessen oder das verschriebene Arzneimittel nicht eingenommen, weil die Beschwerden ja schon besser geworden sind oder Sie nicht so viele Medikamente auf einmal einnehmen wollen? Damit Arzneimittel optimal wirken können, muss die Compliance des Patienten stimmen. Das heißt, er muss aktiv an seiner Gesundung mitarbeiten.

    Hoffentlich hat Sie der Titel neugierig gemacht. Compliance wird vielleicht ein Fremdwort für Sie sein. Es kommt aus dem Englischen und wird im Wörterbuch mit Einwilligung, Einverständnis übersetzt. In der Medizin und in der Pharmazie ist Compliance ein geläufiger Begriff und ein oft verwendetes Wort. Gemeint ist damit die Befolgung der Anweisungen des Arztes, des Apothekers oder der Gebrauchsanweisung bei Anwendung eines Arzneimittels, damit es seine Wirkung optimal entfalten kann und Nebenwirkungen vermindert werden können.

Ein Sprichwort sagt treffend: Eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied. Es nützen die härtesten Prüfsteine für eine Zulassung als Arzneimittel bester Qualität nichts, wenn in der Folge die Anwendungsanweisung nicht eingehalten wird. Der Patient hat also selbst einen Einfluss auf die Güte und Qualität seines Arzneimittels. Anders ausgedrückt: Die Qualität eines Arzneimittels wird nicht nur von seiner Erfindung, Entwicklung und Herstellung bestimmt. Denken wir uns zwei gleiche Patienten mit identen Krankheiten. Sind Unterschiede im Gebrauch festzustellen, kann auch der Heilungserfolg unterschiedlich ausfallen.

Der Apotheker unterstützt mit seinem Wissen und seiner Erfahrung den Patienten im Sinne einer guten Compliance.

Fragen Sie den Fachmann

Wiederholt passiert es, dass der Patient wünscht, ein verschriebenes Medikament vom Rezept zu streichen, weil er meint, es tut ihm nicht gut oder er benötigt es einfach nicht. In so einem Fall ist es Aufgabe des Apothekers, dem Patienten nahe zu legen, sich diesen Entschluss noch einmal gut zu überlegen. Es können gewiss gute Gründe für einen Verzicht sprechen, nur besteht die Notwendigkeit, dies dem Arzt ehrlich mitzuteilen, da er sich sonst kein richtiges Bild vom Therapieverlauf machen kann. Furcht vor unerwünschten Nebenwirkungen ist trotz mitunter zeilenlanger Ausführungen im Beipacktext unbegründet. Erstens kommen diese sehr selten vor, zweitens ist ein Medikament meistens das Mittel der Wahl. Eine Nichteinnahme kann für den Patienten eine größere gesundheitliche Gefahr bedeuten. Von schlechten Erfahrungen mit einem Medikament ist dem Arzt natürlich zu berichten. Manchmal sind die verschriebenen Medikamente so fein aufeinander abgestimmt, dass man dem Patienten nicht raten kann, eines wegzulassen, weil damit das Gleichgewicht gestört wäre, z.B. bei Kombinationen von Mitteln gegen hohen Blutdruck. Das eine beherrscht oft mehr den systolischen Druck, das andere wirkt besser gegen einen zu hohen diastolischen Blutdruck. Auch Präparate bei Diabetes Typ II wirken oft erst zufriedenstellend in Kombination, da im Körper an verschiedenen Rezeptorstellen eingegriffen werden muss.

Aus Fragen meiner Kunden zu schließen, nehmen sie die Einnahme ihrer Medikamente sehr genau. Mehrmals am Tag werden die Apotheker gebeten Auskunft zu geben, wann das Medikament eingenommen werden soll, z.B. ob vor oder nach dem Essen oder womit. Das ist ein Zeichen für eine gute Compliance. Für den Apotheker ist es ratsam, sich noch vor dem Patienten zu überzeugen, ob die Einnahmehinweise des Beipackzettels beim Laien nicht zu Missverständnissen führen können. Vom Arzt angeordnete Gebrauchsanweisungen werden vom Apotheker auf der Packung deutlich lesbar vermerkt. Günstig ist es den Vermerk mündlich zu wiederholen, da manche Menschen eine bessere akustische Aufnahmebereitschaft besitzen. Aufgeklebte Etiketten mit Name und Telefonnummer der abgebenden Apotheke erleichtern den Patienten Rückfragen, falls nachträglich Unsicherheiten auftreten. Wenn nichts Besonderes angegeben ist, soll das verordnete Arzneimittel regelmäßig zu einem bestimmten Zeitpunkt, an welchen man sich leicht erinnern kann, eingenommen oder verwendet werden. Ein Erzeuger der im Volksmund unschön genannten Anti-Baby-Pille hatte einmal eine charmante Idee. In der Schachtel waren Blümchen zum Aufkleben am Badezimmerspiegel mitgepackt, damit die Frau bei der Morgentoilette an die rechtzeitige Einnahme erinnert wird. Prinzipiell vergisst man am Morgen die Einnahme weniger leicht als am Abend, da der Abend häufig unterschiedliche Aktivitäten mit sich bringt oder unvorhergesehene Eindrücke beschert.

Praktisches Hilfsmittel

Mit dem Medikamentendosierer Medi-7 ist es kinderleicht, 7 Tage in der Woche die Übersicht über verschiedene Medikamente zu behalten.

      Nicht vergessen!

      Ein Vergessen kann bei einem mehrmalig am Tag notwendigen Gebrauch leicht vorkommen und das bedeutet unter Umständen eine Reduzierung der Tagesdosis auf ein Drittel des Benötigten. Beruflicher Stress oder Reisen verhindern gern die Regelmäßigkeit. Verschiedene galenische Tricks wie Retardformen, Depotpflaster und andere ausgeklügelte pharmazeutische Techniken fördern mit ihrer dann nur einmal täglich notwendigen Anwendung die Compliance. Das Idealziel einer nur einmal am Tag oder in noch längeren Abständen zu erfolgenden Verabreichung kann nicht immer verwirklicht werden. Wobei Rhythmen jenseits von vierundzwanzig Stunden wiederum zum Vergessen führen können. Oft ist bei einer höheren Einzelgabe nicht dieselbe Menge für den Körper verfügbar wie bei einer Aufteilung auf zwei oder mehr Gaben, da er das Arzneimittel nicht auf einmal verwerten kann.

Gedächtnisstützen bietet der Markt in Form von Weckerarmbanduhren an. Ihre Programmierung ist aber nicht für jedermann problemlos zu handhaben. Gerade ältere Patienten, die manchmal schon an stärkerer Vergesslichkeit oder gar Verwirrtheit leiden, sind besonders gefährdet ihre Medikamente in falschen Intervallen, vielleicht sogar doppelt und dreifach zu nehmen. Medikamentendosierer für eine ganze Woche, aufgeteilt in kleinere Schiebeschächtelchen mit Abteilungen für morgens, mittags, abends und nachts, die man einzeln mit sich tragen oder dem Patienten aushändigen kann, sind hier nicht nur für Heimhilfen und Pflegepersonen, sondern auch für zuhause eine zweckmäßige Hilfe und Kontrolle, wie z.B. Medi-7.
Habe ich es heute schon genommen ...?

Von großem Nachteil ist ein grundloses, verfrühtes Abbrechen der Behandlung. Dies kann zu einem Wiederaufflackern der Krankheit oder einer gefürchteten Resistenz führen, z.B. bei einer Antibiotikatherapie gegen Infektionen. Ein nicht geringer Teil an rezidivierenden, d.h. immer wiederkehrenden Pilzerkrankungen der Haut gehen auf eine zu frühe Therapiebeendigung zurück. Ein Aufhören der Beschwerden wie Juckreiz u.a. dürfen nicht zu einem Abbruch verleiten, auch wenn verständlich ist, dass Beschwerdefreiheit sowohl die Vergesslichkeit fördert als auch die Motivation senkt. Darüber hinaus kann passieren, dass das Antibiotikum bei einer späteren Therapie nicht mehr wirkt.

      Welche Möglichkeiten hat man zur Verbesserung der Compliance neben der schon besprochenen Vermeidung von Fehlerquellen? An erster Stelle steht die Aufklärung des Patienten. Nach der Diagnose und Therapiewahl muss noch genügend Zeit übrig sein, den Patienten auf etwaige Besonderheiten der Anwendung aufmerksam zu machen. Scheuen Sie sich nicht, den Arzt noch einmal zu fragen, wenn Sie etwas nicht verstanden haben. Haben Sie, vielleicht durch die Aufregung etwas wieder vergessen oder wollen Sie etwas ausführlicher erklärt bekommen, wenden Sie sich in der Apotheke an Ihren Apotheker.
      Den Herstellern ist ins Stammbuch zu schreiben für die Gebrauchsinformationen im Beipackzettel ein klares und genügend großes, leicht lesbares Schriftbild zu wählen. Nicht zu große Kapseln oder Tabletten, bei Kindersirupen ein angenehmes Aroma helfen ebenfalls die Compliance zu erhöhen.
Der Großteil der Medikamente sollen mit ausreichend Flüssigkeit geschluckt werden. Die Schleimhäute der Speiseröhre werden dadurch geschont und zusätzliche Belastungen sind auf diese Weise leicht vermeidbar. Dies war der Grund, warum das Aspirin auch als Kautablette entwickelt wurde, weil viele Konsumenten sich nicht die Zeit nahmen, die Tabletten mit einem Becher Wasser einzunehmen.

Statistiken beweisen, dass bei zu schluckenden Arzneiformen im Durchschnitt eine geringere Compliance zu erwarten ist als bei äußerlich anzuwendenden Arzneiformen. Interessant ist es, von Landärzten zu erfahren, dass auf dem Land in der bäuerlichen Bevölkerung für eine äußerliche Behandlung mit Salben und Einreibungen eine Vorliebe zu finden ist.

Dass während eines Spitalsaufenthaltes die Compliance steigt, ist wegen der Kontrolle durch das Personal leicht einzusehen.

Welche Methoden hat man zur Hand die Compliance zu messen und zu beurteilen? Es gibt indirekte und direkte Methoden. Indirekte Methoden sind als Überwachung nicht sehr verlässlich bzw. ungenau. Zu ihnen gehören die Patientenbefragung und die Kontrolle der Therapiewirkung. So gibt es z.B. Turboinhalatoren, bei dessen Anwendung die Patienten vom Wirkstoff weder einen Geschmack noch einen feuchten Nebel im Mund verspüren. Die Handhabung einer einfachen Drehbewegung und anschließendes Einatmen erfordert nicht mehr so viel Geschick wie bei den klassischen Dosieraerosolen, bei denen das Niederdrücken der Mechanik und das gleichzeitige Inhalieren ähnlich dem Einsatz des Sängers in einer Oper einiger Übung bedarf. Trotz der konsumentenfreundlichen leichteren Bedienungsweise der Turbohaler haben Patienten oft Zweifel, ob der Wirkstoff nun wirklich eingeatmet wurde. Das Vertrauen in ihre richtige Handhabung sinkt umso mehr, wenn sie mit dem Therapieerfolg nicht zufrieden sind. Obwohl der Grund dann in der individuell verschiedenen Ansprechbarkeit auf das Medikament liegen mag.

Pillcounting, das Tablettenzählen, ist die dritte indirekte Methode einer Kontrolle. Das System besteht aus einem Kunststoffbehälter mit im Verschluss eingebautem Mikroprozessor, der Datum und Öffnungszeiten registriert. Für Tropfen und Sprays wurden ähnliche Apparate konstruiert. Kontrolliert werden die Anzahl der Öffnungen und die Öffnungszeiten pro Tag, die eigentliche Einnahme des Arzneimittels kann damit nicht bewiesen werden.

Auch einfache, nicht elektronische mechanische Patente wie kreisrunde Behältnisse mit drehbarem Ringdeckel und Tages- oder Wochentagsaufdruck und einem Ausgangsschlitz sind heute vor allem bei gynäkologischen Medikamenten gerne in Gebrauch. Ferner kreisrunde Blister, auf die man eine Wochentagsscheibe aufklebt.

Im EU-Raum setzen sich, am wenigsten bis jetzt beim Nachbarn Deutschland, die so genannten Kalenderpackungen durch. In einer Packung befindet sich nicht eine Stückanzahl von 20, 30 oder 50, sondern ein Vielfaches der siebentägigen Woche, also 14, 28, 56 oder 84 Stück. Leider wurde von den meisten Firmen das nicht genützt, um bei den einzelnen Blistern die Wochentage zu vermerken. Man hätte eine gute Kontrolle, ob heute schon zum Beispiel das Blutdruckmittel eingenommen wurde.

Eine spielerische Art des Dosiscounting findet sich bei einigen Antibiotikasäften und -suspensionen für Kinder. Nach jeder Einnahme wird ein auf der Außenseite der Verpackung gemaltes Bakteriengesicht durchstoßen. Die Bakteriengesichter sind am Anfang der Therapie noch rot oder grellfärbig mit höhnischem Lachen und spitzen Zähnen. Gegen Ende der Einnahmetage werden die Gesichter blasser, zahnloser und die Mundecken wandern von oben nach unten, sodass aus dem am Anfang höhnisch Lachenden ein Sady übrigbleibt. So sieht das Kind, dass es den bösen Krankheitserreger besiegt hat.

Direkte Verfahren zur Messung der Compliance sind Bestimmungen der Konzentration der Arzneistoffen oder der bekannten Abbauprodukte im Blut oder im Harn.

Lesen Sie im zweiten Teil dieses Beitrages über »Compliance am Beispiel Bluthochdruck« in der nächsten DA Nr. 7.


Mag. pharm. Lothar Schweitzer

Quelle und mehr darüber: "Die Apotheke" 06/2003