Magistrale Rezepturen
 
Maßgeschneiderte Arzneimittel
 
Wer kennt das nicht: da findet man endlich das Kleid, die Schuhe oder die Hose, die man immer schon wollte - um beim Anprobieren dann festzustellen, dass sie nicht passen. Mit Arzneimitteln ist es manchmal ähnlich. Die industriell gefertigten Präparate sind zwar sehr gut, aber eben nicht immer genau das, was man braucht. Es gibt in der Apotheke aber auch die Möglichkeit, „maßgeschneiderte“ Arzneimittel zu bekommen.
Unter einer magistralen Zubereitung versteht man die Einzelanfertigung in der Apotheke aufgrund einer ärztlichen Verschreibung. Diese Individuell hergestellten Arzneimittel gewinnen an Bedeutung, denn die magistrale Rezeptur geht auf die höchstpersönlichen Bedürfnisse des Patienten ein. Wenn ein Patient zum Beispiel ein Konservierungsmittel nicht verträgt, dann entfaltet der Apotheker sein pharmazeutisches Können und stellt die Salbe oder die Tropfen ohne Konservierungsmittel her. Weitere Vorteile einer magistralen Rezeptur liegen in der Möglichkeit, bestimmte Wirkstoffe zu kombinieren. Auch individuelle Dosierungen für Kinder oder Senioren kann der Apotheker magistraliter herstellen. Ebenso spezielle Arzneiformen, beispielsweise Zäpfchen statt Tabletten.

Am häufigsten werden magistrale Rezepturen bei Hautkrankheiten eingesetzt - dort machen sie rund 40 Prozent der Verschreibungen aus. Tendenz steigend. Auch Augentropfen oder -salben werden häufig frisch in der Apotheke hergestellt. Österreich ist bei dieser Apothekenleistung übrigens führend in Europa. Ein derartiges Service wird außer in Deutschland und der Schweiz kaum noch in diesem Umfang geboten.

Eine magistrale Zubereitung stellt an Arzt und Apotheker große Anforderungen. So kann ein Wirkstoff je nach Dosis anders wirken; mehrere Wirkstoffe können sich gegenseitig beeinflussen und dann andere als die erwünschten Wirkungen zeigen. Darüber müssen die Apotheker natürlich Bescheid wissen. Unterstützt werden sie dabei vom Österreichischen und vom Europäischen Arzneibuch mit offiziellen Richtlinien. Der Apotheker ist auch verpflichtet, die vom Arzt auf dem Rezept zusammengestellten Dosierungen zu überprüfen und gegebenenfalls richtig zu stellen.
Die Abkürzungen und lateinischen Bezeichnungen am Rezept

Bei der Formulierung einer Rezeptur bedient sich der Arzt verschiedener Abkürzungen, um eine Verschreibung eindeutig und mit wenig Schreibaufwand zu beschreiben. Der Text beginnt mit Rp., aus dem lateinischen für recipe („nimm“). Anschließend werden die gewünschten Arzneistoffe mit der zu verwendenden Menge in Gramm genannt. Steht vor einer Mengenangabe das Kürzel aa für ana partes (lat. „zu gleichen Teilen“) so sind die angegebenen Stoffe in gleicher Menge einzuwiegen. Als letzter Stoff kann die (z.B. Salben-) Grundlage oder ein Füllstoff genannt werden, der mit dem Zusatz ad (lat. „auf“) die Masse der gesamten Zubereitung angibt. Statt der Menge eines Hilfs- oder Füllstoffs kann auch das Kürzel q.s. für quantum satis stehen, was darauf hinweist, von dieser Substanz „soviel wie benötigt“ zu nehmen.
    Beispiele:

    Rp./

      Urea pura
      Aq. purif. aa 10,0
      Ungt. emulsif. aquos. ad 100,0
      m.d.s. 3 x tgl zum Auftragen auf die erkrankte Haut
    .
    Rp./
      Extr. Chamomill. fld. 0,1
      Aetheroleum Carvi 0,02
      Aerosil 0,2
      Adeps Neutralis q.s.
      M.f.supp. div.i.part.aeq. Nr. XII
      s. Kümmelzäpfchen für Kinder, bei Blähungen bis zu 3 x tgl 1 Zäpfchen.
Unten am Rezept steht dann die Anweisung, was daraus herzustellen ist und wie es abgegeben werden soll. Eine dafür sehr gebräuchliche Abkürzung ist M.D.S. (lateinisch „misce, da, signa“), was soviel wie „Mische, gib und bezeichne“ heißt, gefolgt von dem Hinweis, wie und wie oft die Arznei einzunehmen ist.

Wenn aufgrund der Rezeptur nicht eindeutig ist, welche Arzneiform herzustellen ist, kann der Arzt die gewünschte Zubereitungsart mit Anzahl der Einzeldosen nennen. Beispielsweise bedeutet die Anweisung „M. f. caps. Nr. XXX“ dass 30 Kapseln herzustellen sind (lateinisch „Misce fiat capsulae“ = „Mische, dass es Kapseln werden“).

Falls sich die angegebene Menge der Arzneistoffe in der Rezeptur auf das Gesamtgewicht der Zubereitung bezieht, so muss aus dem Rezept hervorgehen, wie aufzuteilen ist. Sind beispielsweise vom Apotheker 30 Kapseln herzustellen, so lautet der Hinweis auf der Verschreibung „div. in part. aequ. Nr. XXX“ (ausgeschrieben „divide in partes aequales numero XXX“ = „teile in 30 gleiche Teile auf“). Im Gegensatz dazu kann mit der Anweisung „dentur tales doses numero XXX“, kurz „d. tal. dos. Nr. XXX“, am Rezept stehen, was bedeutet, dass sich die vorstehende Rezepturmenge auf eine Einzeldosis bezieht und, wie im Beispiel genannt, 30 davon abzugeben sind.
    Beispiele:
    Rp./
      Acid. ascorbic. 0,1
      Sacchar. Lact. 0,4
      M.f.caps. d.tal.dos. Nr. XXX
      s. 1 x tgl 1 Vitamin C Kapsel
    die gleiche Dosierung kann aber auch so verschrieben werden:

    Rp./
      Acid. ascorbic. 3,0
      Sacchar. Lact. 12,0
      M.f.caps. div.i.part.aeq. Nr. XXX
      s. 1 x tgl 1 Vitamin C Kapsel
Der letzte Teil der Rezepturanweisung, der mit signa („bezeichne“) aus M.D.S., oder eigenständig mit S. abgekürzt wird, nennt die Anzahl und Dauer der Anwendung des Arzneimittels und gegebenenfalls Anwendungshinweise. Dies kann beispielsweise ausformuliert „Dreimal täglich“ oder „bei Schmerzen bis zu viermal am Tag“ mit dem Hinweis „Vor Gebrauch kräftig schütteln“ sein. Als moderne Dosierungsangabe nutzt der Arzt eine Schreibweise wie „1–0–2“ um festzulegen, dass beispielsweise morgens eine Tablette, mittags keine und zum Abend zwei Tabletten eingenommen werden sollen.

Nach der Apothekenbetriebsordnung müssen auf dem Etikett der magistraliter angefertigten Rezeptur neben dem Herstellungsdatum und dem Namen und der Anschrift der Apotheke auch die Menge der einzelnen Wirkstoffe, Hinweise zur Haltbarkeit und besondere Lagerungsbedingungen vermerkt sein.