Von Barbara zur Barbitursäure
 
Feuilleton zum Namensfest am 4. Dezember
 
Die Heilige Barbara ist eine der populärsten Heiligen. Nicht nur viele Mädchen erhalten ihren Namen, auch der Brauch der "Barbarazweigerl" ist in Österreich sehr beliebt. Seit dem 15. Jahrhundert werden zum Namensfest der Heiligen, am 4. Dezember, Kirschzweige in einer Vase in die Stube gestellt, damit sie zu Weihnachten blühen.

Von Barbara zur Barbitursäure
Auf der Suche nach neuen Arzneimitteln gelang 1864 dem deutschen Chemiker Adolf von Baeyer (1835-1917) die Synthese des Malonylharnstoffs (2,4,6-Trihydroxy-pyrimidin). Er nannte die Substanz Barbitursäure, weil die Synthese am Fest der Heiligen Barbara (4. Dezember) glückte, oder - wie sein Schüler Richard Willstätter berichtet - wegen seiner damaligen Liebe zu einem Fräulein Barbara. Aus der Barbitursäure folgte die Entwicklung vieler Barbiturate mit Handelsnamen wie zB Veronal®, Luminal®, Nembutal®.

Veronal® kommt von "Verona"

Die Veronal-Erfinder waren der Chemie-Nobelpreisträger von 1902, Emil Fischer und Joseph von Mering, der den neuen Arzneistoff, die Diethylbarbitursäure, auf einer Bahnreise von Berlin nach Basel einnahm und angeblich erst in Verona wieder erwachte. So bekam das Schlafmittel, das 1903 in den Handel kam, den klangvollen Namen Veronal®. Doch schon bald nach seiner Markteinführung geriet Veronal® in Verruf. Das ursprünglich rezeptfreie Arzneimittel galt zunehmend als „Selbstmördermittel“ und durfte ab 1908 nur noch auf ärztliche Verschreibung in Apotheken abgegeben werden.

Geringe therapeutische Breite
Wenn bei einem Arzneistoff zwischen wirksamer und tödlicher oder schädlicher Dosis nur ein relativ kleiner Unterschied besteht, dann spricht man von einer geringen therapeutischen Breite. Die geringe therapeutische Breite der Barbitursäure-Derivate, eine hohe Missbrauchsrate und die ungünstig hohen Eliminations-Halbwertszeiten führten dazu, dass sie ab den 1960er-Jahren durch Benzodiazepine und andere Schlaf- und Beruhigungsmittel vom Markt verdrängt wurden. Veronal® und ähnliche Schlafmittel, die sich von der Barbitursäure ableiten, sind längst nicht mehr im Handel, leben aber in der Literatur weiter. Etwa in Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“. In dieser Novelle nimmt sich die gleichnamige Hauptakteurin mit Veronal® das Leben.

Mehr zur Eliminations-Halbwertszeit und zur therapeutischen Breite eines Arzneimittels:
Link zu "Arzneimittel: Dosis-Wirkungs-Beziehungen"

Ein Barbitursäurederivat, das Thiopental, wird bei der intravenösen Einleitung einer Vollnarkose auch heute noch verwendet. Da es in den USA auch zur Vorbereitung auf die Hinrichtung von zum Tode Verurteilten dient, sorgt dieser Arzneistoff immer wieder für negative Schlagzeilen in den Medien.