Pflaster werden die Spritze ersetzen
 
Immer mehr Arzneistoffe können bereits durch die Haut aufgenommen werden
 
Schon jetzt lassen sich eine Reihe von Medikamenten bequem per Wirkstoff-Pflaster verabreichen. Für viele Arzneimittel ist die Aufnahme durch die Haut wesentlich günstiger als vom Magen, hinzu kommt, dass der Wirkstoff vom Pflaster langsam und sehr gleichmäßig abgegeben wird - fast schon wie bei einer Infusion. Die ersten sogenannten transdermalen therapeutischen Systeme kamen 1981 auf dem Markt. Damals enthielten die meisten Produkte Nitroverbindungen zur Behandlung von Angina pectoris. 1985 kam das blutdrucksenkende Mittel Catapressan dazu und in den neunziger Jahren setzten sich Nikotinpflaster zur Entwöhnung von Rauchern durch. Dann kamen die Schmerzpflaster. Auch hier wird der Wirkstoff langsam und kontinuierlich aus dem Wirkstoffvorrat des Pflasters abgegeben und gelangt über die Haut ins Blut. Meistens hält die Wirkung 72 Stunden an. Da der Wirkstoff nicht über den Magen und den Darm zum Wirkort gelangt, ist er besonders gut verträglich und hat wesentlich weniger Nebenwirkungen. Für Menschen, die langanhaltend Schmerzmittel einnehmen müssen, bringt das Schmerzpflaster eine wesentliche Verbesserung der Lebensqualität mit sich.

Anfang unseres Jahrhunderts gelang es den Pharmazeuten, auch Hormone durch die Haut in den Körper einzuschleusen: Östrogen- beziehungsweise Testosteron-Pflaster und auch eine Antibaby-„Pille“ zum Kleben kamen in die Apotheken.

In Zukunft Insulin kleben statt spritzen ?

Ob ein Arzneistoff die Hornhaut durchdringen kann oder nicht, hängt entscheidend von seiner Molekülgröße ab. Kleine Moleküle werden relativ gut aufgenommen, besonders dann, wenn man ihnen kleine Mengen sogenannter "Carrier-Substanzen" wie Dimethylsulfoxid beimischt. Große Arzneistoffmoleküle, wie beispielsweise das Insulin, machen Probleme. Hier gibt es in der modernen Forschung verschiedene Ansatzpunkte:

  • So experimentiert etwa die Firma Roche mit einem Pflaster, das aus vielen kleinen Antriebseinheiten besteht, die die Hautoberfläche mit mikroskopisch kleinen Klingen anritzen, ohne dass der Träger dies merkt (Macroflux®-System).
  • Eine andere Möglichkeit ist, wenn man die Arzneistoffe in fettartige Hüllen mikroverkapselt. In diese Richtung forscht die Firma Helix BioPharma.
  • Auch durch Ultraschall lässt sich die Permeabilität der Haut verändern, ein Effekt, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) erforscht wurde. Die Rechte für diese Erfindung liegen derzeit bei den Second Stage Ventures Inc. (SSVT). Die Technologie arbeitet mit einem standardmäßigen transdermalen Pflaster und einem sonaren Applikator, der Ultraschallwellen in einer einzigartigen Kombination von Wellenformen aussendet, um so Arzneimittelmoleküle durch die Haut zu verabreichen, die transdermal anderweitig nicht effektiv aufgenommen werden könnten.
  • Mitte der 90er Jahre hat MIT auch ein weiteres, vielversprechendes Verfahren entwickelt, bei dem man die Haut mit Hilfe von Strom gezielt durchlässig macht. Die von der Firma Alza nach diesem Verfahren entwickelten Pflaster mit einer Batterie (E-Trans®), transportieren elektrisch geladene Wirkstoff-Moleküle durch die Haut. Mit einer eingebauten elektronischen Steuerung wird die Batterie an- und ausgestellt. Damit lässt sich die Arzneistoffaufnahme recht exakt steuern.

Transdermale therapeutische Systeme werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten einen Aufschwung erleben und Patienten eine schmerzlose und weniger komplizierte Anwendung ihrer Arzneimittel ermöglichen. Für die Pharmaindustrie sind die Forschungen in diese Richtung auch deshalb attraktiv, da sie die Laufzeit von Patenten auf existierende Medikamente durch die Nutzung neuer Verabreichungssysteme erweitern kann.

Aktuell wird weiterhin intensiv an neuen Darreichungsformen für Insulin geforscht. Insgesamt ist noch nicht abzusehen, welche neuen Insulin-Darreichungsformen und Analoga Marktreife erlangen und sich in der Therapie des Diabetes bewähren werden.

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