Rheuma: das Leiden mit 100 Gesichtern
 
Was man nicht erklären kann, das sieht man gern als Rheuma an
 
In Österreich leiden rund zwei Millionen Menschen an chronischen rheumatischen Erkrankungen. Mit dramatischen Folgen: Rheumatische Erkrankungen bedeuten im allgemeinen eine geringere Lebenserwartung von bis zu zehn Jahren, die sich unter adäquater Behandlung normalisiert. Patienten mit rheumatischen Erkrankungen sind auch einer erheblichen sozialen und emotionalen Belastung ausgesetzt. Trotzdem wird Rheuma in Österreich traditionell verharmlost ("was man nicht erklären kann, das sieht man gern als Rheuma an...").

Der Begriff „Rheuma“ reicht in die Antike zurück, und zwar auf die Vorstellungen der Hippokratischen Schule (4. Jahrhundert vor Christus). Man verstand unter Rheuma (von griech. rheo „ich fließe“) und unter Katarrh (griech. καταρειν [katarhein] = herunterfließen) das herabfließen eines oder mehrerer Körpersäfte in den Organismus. Die vier Kardinalsäfte („ Humores“: Blutschleim, gelbe und schwarze Galle) waren Ausdruck der damaligen Humoralvirologischen Vorstellung. Fehlerhafte Zusammensetzung oder Mischung dieser Körpersäfte bedeutete Krankheit, „Rheuma“ bedeutete also eine allgemeine Vorstellung über die Entstehung der Krankheiten. Im Zusammenhang mit den rheumatischen Erkrankungen wird dies deutlich an Begriffen wie: „Podagra“ (griech.: Agra = „die Falle“, Podos = „der Fuß“) was soviel wie „das im Fuß gefangene Rheuma“ bedeutete.

Dieser Begriff hielt sich bis in die mittelalterliche Medizin. Erst im 17. Jahrhundert wurde die Gicht als die erste eigenständige Erkrankung erkannt. Heute kennt man über 900 verschiedene Erkrankungsformen mit ihren Untergruppen, so dass der Begriff „Rheuma“ nichts mehr mit Diagnose zu tun hat sondern nur ein Sammelbegriff für die vielen heute bekannten Erkrankungen verschiedener Ätiologie darstellt. Diagnostisch ist der Begriff „Rheuma“ ebenso unbrauchbar wie etwa „Bauchweh“.

Tatsächlich beschreibt kaum eine andere Krankheitsbezeichnung so viele Erscheinungsformen: Vom Hexenschuss über den Tennisarm und infektiöse Gelenkentzündung bis hin zur Osteoporose und Gicht werden über hundert verschiedene Erkrankungen des Bewegungsapparates dem rheumatischen Formenkreis zugeordnet. Ihnen ist außer dem Namen nur eines gemeinsam: sie betreffen Knochen und Gelenke oder das Bindegewebe oder beides. Einige dieser Erkrankungen sind soweit verbreitet, dass man sie getrost als Volkskrankheit bezeichnen kann, andere hingegen treten nur äußerst selten auf. Alle Rheuma-Formen zusammengenommen sind bereits für 18,6 Prozent aller Krankheitstage und jeden 4 - 5 Arztbesuch verantwortlich. Rechnet man die direkten und indirekten Kosten dieser Krankheit zusammen, rangieren die Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises an erster Stelle.

Jeder von uns kennt - teils aus eigener leidvoller Erfahrung, hauptsächlich aber durch Schilderung von Patienten die typischen Symptome: „Meine Arme und Beine sind gelähmt. Ich bin verzehrt vom Fieber, das in meinen Gliedern blüht.“ Klagte vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren Herrscher Asarhaddon von Assyrien (680 - 694 vor Christus) über die Arthritis. Seine Krankheitsgeschichte ist in Keilschrift auf einer Tontafel verewigt worden und damit das älteste Dokument über dieses Leiden. Kaiserin Elisabeth („Sissy“ von Österreich) sucht Heilung von der chronischen Polyarthritis, in dem Sie wöchentlich einmal in heißem Olivenöl badete um die schmerzenden Gelenke mit einer Vogelknöterichsalbe bestrich. Den italienischen Nationalhelden Giuseppe Garibaldi (1807 - 1882) befiel die Gelenksentzündung im Alter von 45 Jahren. Als er im Winter 1870/71 den Franzosen im Krieg gegen die Deutschen zu Hilfe eilen wollte, musste bei Dijon auf einem Schubkarren an die Front geschafft werden. Chronische Polyarthritis machte auch den französischen Maler Auguste Renoir zum Krüppel. Der Herzchirurg Christiaan Barnard wurde eines der prominentesten Opfer dieser Krankheit. Das weitere Fortschreiten seiner Arthritis wurde jedoch durch medikamentöse Therapie derart verzögert, dass Christiaan Barnard 13 Jahre nach auftreten der Beschwerden die erste Herzverpflanzung vornehmen konnte.

Hippokrates, der um 440 v.Chr. auf der griechischen Insel Kos praktizierte, verordnete gegen Rheuma einen Aufguss aus der Weidenrinde. Das darin enthaltene Glykosid Salicin wurde 1838 erstmals technisch hergestellt und schon ein Jahr darauf um eineinviertel Gulden pro Unze in Apotheken abgegeben. Die weitere Entwicklung bis hin zur Acetylsalicylsäure ist uns allen bestens bekannt. Es wurde weiter geforscht, weiterhin konnte „Rheuma“ nur symptomatisch behandelt werden. Im September 1948 glaubte man endlich das ideale Mittel in der Hand zu haben, um unbeweglich gewordene Patienten wieder zu rehabilitieren. Was man da aus Amerika zur hören bekam, klang tatsächlich wie ein Wunder. An der berühmten Mayo-Klinik in Rochester (Minnesota) war Dr. Philip Showalter Hensh ein sensationelles Experiment gelungen: Versuchsperson ist eine 28 Jahre alte Hausfrau, die seit viereinhalb Jahren an chronischer Polyarthritis leidet. Ihre Gelenke sind derart geschwollen und versteift, dass Sie sich vor Schmerzen nicht mehr bewegen kann. Dr. Hensh injiziert Ihr 100 mg einer Lösung der geheimnisvollen „Verbindung E“. Am 6. Behandlungstag unternimmt die Patientin den ersten Spaziergang seit Jahren: Dr. Hensh hatte die Lahme gehend gemacht!

Die „Verbindung E“ war - Cortison. Ein Wundermittel?

Wundermittel gibt es nicht, Medienberichte, TV-Sendung und Hochglanzanzeigen über angebliche Heilungserfolge, möglichst „ ohne Chemie“ sind mit Vorsicht zu genießen. Hier ist der Apotheker gefragt. Er erklärt die Arzneimittel, welchen Nutzen sie haben und welche Nebenwirkungen sie verursachen können. Und er gibt viele Tipps für zusätzliche eigene Maßnahmen, die das Leben erleichtern.

Neue Arzneimittel
Die sogenannten „Biologika“ sind die neuesten, derzeit wirksamsten Basistherapeutika vor allem bei Patienten, denen herkömmliche Rheumamedikamente nicht mehr helfen. Es handelt sich dabei um hochmoderne, biotechnologisch hergestellte Arzneimittel, die direkt in den immunologischen Ablauf des Entzündungsgeschehens eingreifen. Körpereigene Zytokine, etwa das TNF (Tumornekrosefaktor) alpha, die im Organismus Entzündungsprozesse verursachen oder vorantreiben, werden damit gezielt blockiert.