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Peter Roseggers Asthma-Therapie
 
Asthmazigaretten und Tucker's Asthma Specific
 
Die Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer erwies sich für die Recherchen des Buchautors Christian Teissl als wahre Fundgrube: Hier stieß er auf pharmaziehistorische Unterlagen zu Peter Rossegers „Asthma-Geheimmittel“.

Erscheint im Frühjahr 2018




Zeitungsinserat (1913)



Der Tuckersche Asthmainhalationsapparat © Oswald Peer, Pharmaziemuseum Brixen

Das Jahr 2018 steht im Zeichen von Peter Rosegger. Es ist der 100. Todestag des berühmten steirischen Heimatdichters, der am 26. Juni begangen wird. Am 31. Juli ist sein 175. Geburtstag. Die Feierlichkeiten beginnen bereits Anfang Februar in der Waldheimat Krieglach, wo Rosegger lebte und wirkte. Und am 26. März erscheint ein Buch zu Ehren des Literaten. „Man kommt sich vor wie in der Wüste …" heißt der Titel. Gestützt auf umfangreiches Quellenmaterial beschreibt der Grazer Autor und Literaturwissenschaftler Christian Teissl die letzten Lebensjahre Peter Roseggers. Bei den Recherchen zu dem Buch mussten auch pharmaziehistorische Unterlagen ausgegraben werden. Es ging um Fragen zu Peter Roseggers Asthma-Therapie. Die Bibliothek der Österreichischen Apothekerkammer konnte helfen.

Asthmazigaretten und „Tucker's Asthma Specific"

Am 24. März 1917 schreibt Peter Rosegger an seinen Freund und Kollegen Hans Fraungruber (der sich offenbar für einen an Asthma erkrankten Bekannten bei Rosegger erkundigt hatte, was dagegen am besten zu unternehmen sei)1: „Lieber Freund! Ich habe 2 Asthmamittel: I. Holländisches Stramoniumkraut, gedörrt, in den Apotheken gegen ärztliche Erlaubnis zu haben, in Zigarettenform geraucht, Rauch in die Lunge gesogen. 10-15 Züge stillen mir das Asthma immer auf 3-4 Stunden, u. mildert selbes überhaupt, daß es seltener u. weniger heftig auftritt. II. Den Tuckerschen Apparat, durch den mir Flüssigkeit in die Nase gestäubt wird; das ist ohne ärztliche Erlaubnis, weil unter allen Umständen unschädlich zu brauchen u. lindert auch. Apparat u. Flüssigkeit ist zu haben bei E. Schmid in Bern, Schweiz), Finkenrain 13. – Aber ziemlich teuer. Vor Jahren kostete eine komplette Kur, Ap[p]arat u. Mixtur an 70 Mark. Jetzt dürfte es noch teurer sein. Der Besteller kann sich auf
mich berufen. – Ich brauche heute noch beide Mittel alltäglich…“

Dass getrocknete und mit Kaliumnitrat imprägnierte Stechapfelblätter zu sogenannten Holländischen Asthmazigaretten verarbeitet wurden, konnte Mag.pharm. Gilbert Zinsler (Österreichische Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie) rasch herausfinden. Die Kammerbibliothek steuerte dann noch Abbildungen aus dem Bildarchiv bei. Schwieriger gestaltete sich die Suche nach dem „Tuckerschen Apparat“, der weder in pharmazeutischen Fachzeitschriften, noch in Warenverzeichnissen oder anderen pharmaziehistorischen Werken in der Bibliothek der Apothekerkammer näher beschrieben wird. Erst in der Wiener Klinischen Rundschau aus dem Jahre 1906 konnte ich einen entscheidenden Hinweis entdecken. „Ein schwunghafter Handel wird mit einem amerikanischen (Tuckers) Geheimmittel gegen Asthma getrieben. Zahlreiche Ärzte der wissenschaftlichen Richtung verordnen es, obschon sie seine Zusammensetzung nicht kennen. Sie wissen nur, daß es hilft, wo alle anderen Maßnahmen den Kranken im Stiche lassen…“2

Dr. Nathan Tucker (1838-1920) entwickelte 1889 in Mount Gilead, Ohio (USA) ein Asthmamittel, das er als Geheimmittel, also ohne Deklaration der Inhaltsstoffe, weltweit vertrieb. „Tucker's Asthma Specific", das im sogenannten Tuckerschen Asthmainhalationsapparat fein zerstäubt nasal appliziert wurde, konnte jedermann rezeptfrei im Werk in Ohio, in London bei Tuckers Bruder Augustus Quackenbush Tucker, oder in den Niederlassungen der Firma in Frankreich, in der Schweiz (bei E. Schmid, am Finkenrain 13, in Bern), in Holland, Portugal, Russland, Indien, Australien, Neuseeland und Südafrika bestellen. 3

Es gab Tausende von zufriedenen Kunden, im Jahr 1908 wurde aber das Wundermittel für den Tod einer britischen Patientin verantwortlich gemacht. Die 36-jährige Margaret Weston aus Slough in der Grafschaft Berkshire hatte den Inhalator seit zwei Jahren benutzt und der Arzt, der kurz vor ihrem Tod anwesend war, bemerkte Symptome einer Kokainvergiftung. 5

Tatsächlich enthielt Tucker´s Asthma Inhalation, nach einer 1906 veröffentlichten Analyse, neben Kaliumnitrat, Glyzerin und Bittermandelwasser auch 4 % Pflanzenextrakt (vermutlich aus Stramoniumkraut) und 1% Kokainhydrochlorid.4 Da das Unternehmen betonte, dass die Menge an Kokain in jeder Inhalation winzig war, schaffte es Tucker irgendwie, das Versandsystem fortzusetzen. Nathan Tucker ging 1910 in den Ruhestand und William Robinson übernahm das Geschäft. Die Firma „Tucker's Asthma Specific“ bestand dann bis zum Jahr 1959.5

Dr. Sepp Rosegger beschrieb die Krankheit seines Vaters einmal so: „Mit den Medikamenten stand Vater auch großenteils auf Kriegsfuß. Es war nur eine kleine Anzahl solcher, denen er volles Vertrauen entgegenbrachte. Darunter vornehmlich die Asthmazigaretten aus dem Kraut des Stechapfels, der Tuckersche Asthmainhalationsapparat, das Veronal gegen die schlaflosen Nächte und das Codein gegen die Hustenkrämpfe...“6

Wir sollten uns nicht anmaßen, Therapien und Arzneistoffe, die vor 100 Jahren angewendet wurden, zu kritisieren. „Unser Denken, Wissen, Wollen, Handeln, Politisieren, Kritisieren, Voraussagen, es war alles falsch ...“ schrieb Peter Rosegger im Sommer 1917. Ein Jahr später, wenige Monate vor Ende des Ersten Weltkriegs, starb er in seinem Landhaus in Krieglach.

1 Postkarte vom 24.3.1917 aus dem Nachlass von Hans Fraungruber, Steiermärkische Landesbibliothek (Graz)
2 Bertram H.: Zur Therapie des Bronchialasthmas, WKR, Jg. XX, 1906, S. 134
3 Inserat in THE CHEMIST AND DRUGGIST, Supplement S. VIII, March 27, 1915
4 Hahn Holfert Arends: Spezialitäten und Geheimmittel, ihre Herkunft und Zusammensetzung, 6. Auflage, Springer-Verlag (1906)
5 Rance C.: The Quack Doctor 2009-2017 http://thequackdoctor.com/ abgefragt am 25.01.2018
6 Rosegger S.: Vom Heimweh, Kranksein und Sterben Peter Roseggers, Alpenländische Rundschau, Folge 249 S.2 (14. Juli 1928)

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Österreichische Apotheker-Zeitung 04/2018 Seite 80-81: Historische Schmankerln
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